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Interview mit Erica Fischer.
Das Interview wurde am 15.12.2022 per Zoom geführt. Transkript Peter Wackerlig.

Steiner

Zuerst einmal herzlichen Dank für die Bereitschaft. Es ist ein Forschungsprojekt, das wir begonnen haben, weil sich ja die Fristenlösung 2025 zum 50. Mal jährt. Wir versuchen jetzt, eben noch Betroffene zu finden, die uns von ihren Erfahrungen mit dem Schwangerschaftsabbruch zu erzählen, als er noch verboten war. Können Sie dazu etwas sagen?

Fischer

Ja. Ich weiß jetzt gar nicht, in welchem Jahr das war, es muss auf jeden Fall irgendwie in den Sechzigerjahren gewesen sein, dass ich schwanger wurde mit meinem ersten Liebhaber. Ja, also es war klar, einen offiziellen Weg gibt es nicht, und man hat dann halt irgendwie so bei Freundinnen herumgefragt. Ich wusste, dass eine Schulkollegin von mir … Ich habe 1961 maturiert. Ich glaube, es war schon nach Ende der Schule, aber wir waren dann noch weiter in Kontakt, und ich wusste, dass sie sich da auskennt, vor allem dass sie einen Freund hat, der sich auskennt. So war es auch, und der hat mir einen Gynäkologen vermittelt, der das dann gemacht hat. Das hat damals gekostet, das weiß ich nicht mehr so genau. 1.000 Schilling vielleicht, aber da bin ich nicht ganz sicher, und dieser amerikanische Freund hat mir dann auch das Geld geschickt, der war schon wieder in den USA. Es wäre also eine Katastrophe gewesen, dieses Kind zu bekommen. Das stand für mich auch überhaupt nicht zur Debatte. Dann war ich halt bei diesem Gynäkologen, der sehr unsympathisch und sehr unfreundlich war, also überhaupt nicht irgendwie Anteil an meiner Lage genommen hat. Im Nebenraum gab es einen Fernseher, den hat er laut aufgedreht für den Fall, dass ich richtig schreien sollte. Er hat das mit Äther gemacht, also ich war so ein bisschen benommen. Ehrlich gestanden, kann ich mich jetzt an keine Schmerzen erinnern, denn andere Frauen haben geschildert, dass es ganz furchtbar war. Also ich war irgendwie weggetreten und habe auch nicht geschrien, der Fernsehapparat war also nicht nötig. Und das war es dann. Dann kann ich mich noch erinnern, als ich wieder mehr oder weniger zu mir kam, dass er mir aus dem Uterus so ganz lange Wattestreifen herausgezogen hat. Das hat mich sehr beeindruckt, dass da so viel Platz ist, dass da so viel hineinpasst. Dann hatte ich noch so leichte Wehenschmerzen, und das war es, ja. Also ich war allein, niemand hat mich dort hingebracht. Der Freund war ja gar nicht mehr da, und meiner Mutter hab ich mich nicht anvertraut. Also auf die Idee, dass ich diese Freundin gebeten hätte, mit mir zu kommen, wäre ich gar nicht gekommen, aber so bin ich. Ich mache alles allein, also ich bitte niemanden um Hilfe. Es hat geregnet. Ich kann mich noch erinnern, dass er mir dann einen Schirm gegeben hat. Ich bin dann, glaube ich, mit dem Taxi nach Hause gefahren. Wir waren eine vierköpfige Familie, und ich hab im Wohnzimmer geschlafen, wo man tagsüber die Matratzen umdrehen musste, und das war dann eine Couch. Da hab ich meinen vier Jahre jüngeren Bruder gebeten, dass er mir die Matratzen umdreht, denn das war schon gegen Abend. Ja, dann hab ich halt geschlafen und hab mit niemandem darüber gesprochen.

Steiner

Das waren praktisch die Nachwirkungen von dieser Narkose, nehme ich an?

Fischer

Also es war ja keine Narkose, es war Äther, es hat halt irgendwie betäubt. Was das Unangenehme in dieser illegalen Situation war, dass man halt mit niemandem darüber geredet hat. Einerseits war es die Illegalität und andererseits aber auch, ja es war einfach gesellschaftlich, man hat drüber nicht geredet. Es war irgendwie eine Stummheit, was in meinem Fall wirklich absurd ist, weil ich in keinster Weise katholisch oder irgendwie religiös aufgewachsen bin und überhaupt kein Problem damit hatte, diese Abtreibung vorzunehmen. Ich stand am Anfang meines Studiums. Der Mann war weg, der war in Amerika, und es stand für mich überhaupt nicht zur Debatte, dass ich ein Kind haben wollte und eine Familie gründen wollte. Dann hatte ich ja auch eine Mutter, die Frauenrechtlerin war und auch schon selber abgetrieben hatte. Das wusste ich auch und trotzdem war ich nicht in der Lage, mit ihr darüber zu reden. Also es war einfach, über alles, was mit Sexualität zu tun hat, hat man einfach nicht geredet. Mit meinen Freundinnen schon, aber mit meiner Mutter; ich hab irgendwie Angst gehabt, sie würde hysterisch werden, also sie wäre sicher nicht gegen die Abtreibung gewesen, weil Sie mir immer schon gesagt hat, sie würde sich niemals um ein Kind von mir kümmern. Ja, aber dieses Schweigen war irgendwie schon beklemmend. Ich kann mich nicht erinnern, mir hat dann eine Freundin, eine andere Freundin, jetzt in den letzten Jahren erzählt, dass die Mutter der Freundin, die mir diesen Kontakt vermittelt hat, dass ich bei der war, mir eine heißen Tee oder eine Suppe oder was gegeben hat. Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern, das ist völlig gelöscht. Das ist völlig gelöscht, und auch die Schmerzen. Vielleicht hatte ich ja auch Schmerzen. Ich kann mich nur an diese Benommenheit erinnern und an die unangenehme Situation, dass dieser Arzt so gefühllos war, was sehr unangenehm war, und an den Fernseher im Nebenraum. Dieser Arzt, ich hoffe, er war überhaupt Gynäkologe, ich weiß das ja gar nicht, ist dann nachher auch wegen Drogenhandel in den Knast gekommen. Oder vielleicht war er gar kein Gynäkologe. Der Freund meiner Freundin, der mir das vermittelt hat, war, glaube ich, auch eine zwielichtige Gestalt, aber ich war einfach so erleichtert, das los zu sein und hab mir dann aber im Nachhinein alle möglichen Gefühle eingeredet. Dann habe ich ein Baby gesehen und bin plötzlich sentimental geworden und dachte mir, ich könnte ja auch und so. Ich glaube, ich hab mir das alles nur eingeredet, denn ich war ein Kind, ich war psychisch und mental so weit weg von einem Wunsch nach einem Kind und nach einer Familie. Ich wollte studieren und mit dem Leben beginnen, und das wäre entsetzlich für mich gewesen, das wäre das Allerletzte gewesen. Es ist also in meiner Erinnerung ziemlich gelöscht. Ob ich dann mit meinen Freundinnen darüber geredet habe? Ich glaube nicht. Wie gesagt, an diese Suppe bei der Mutter meiner Freundin kann ich mich nicht erinnern.

Steiner

Daran erinnerte sich die Freundin, dass Sie danach zu ihr gegangen sind, als Sie sie gefragt haben?

Fischer

Nein, die andere Freundin. Wir waren zusammen drei Freundinnen, und ich bin nach wie vor mit einer – oder nicht nach wie vor, sondern wieder, die hat sich seit Jahrzehnten gemeldet – in gutem Kontakt. Aber vielleicht hat sie sich das auch nur eingebildet. Also ich habe die Erinnerung, dass ich mit dem Taxi nach Hause gefahren bin; und an die Situation, dass ich meinen Bruder gebeten habe, mir das Bett zu machen, kann ich mich sehr genau erinnern.

Steiner

Darf ich Sie noch fragen, was die größte Angst in Zusammenhang mit dem Schwangerschaftsabbruch? War das Gefängnisstrafe?

Fischer

Nein, nein, die größte Angst war, das Kind kriegen zu müssen. Ich hatte damals ein einmonatiges Stipendium in Italien. Dort bin ich zum Arzt gegangen, weil mir eben immer in der Früh schlecht wurde und die Regel ausgeblieben ist. Der hat dann bestätigt, dass ich schwanger bin. Ich war entsetzt. Ich hab mich dann im Spiegel angeschaut und hab versucht, irgendetwas zu erkennen, dass jetzt an mir etwas verändert ist. Ich war eben wirklich ein Mädchen, ein Kind, und die Vorstellung, jetzt ein Kind zu bekommen, war so absurd, obwohl ich so jung auch wieder nicht war. Ich muss irgendwie 20 oder 21 gewesen sein.

Steiner

Wissen Sie noch, wo der Arzt war, in welchem Bezirk?

Fischer

Nein.

Steiner

Er war aber allein in der Ordination, er hat keine Hilfe gehabt?

Fischer

Es war keine Ordination, es war seine Wohnung.

Steiner

Es war seine Wohnung.

Fischer

Es war seine Wohnung, und ich bin da auf der Couch gelegen. Ich glaube, dass da jemand im Nebenzimmer war, aber daran kann ich mich jetzt auch nicht erinnern. Nein, nein, es war eine Wohnung, seine Wohnung.

Steiner

Das heißt, Sie wissen auch gar nicht, mit welcher Methode der Eingriff vorgenommen wurde, ob das eine Kürettage war?

Fischer

O ja, das war sicher eine Kürettage. Damals hat man ja nichts anderes gekonnt oder gemacht. Rückblickend, muss ich sagen, war das schon ein ziemliches Risiko, aber ich war irgendwie voller Vertrauen.

Steiner

Es war tatsächlich ein großes Risiko.

Fischer

Ja, aber es war keine Schwester oder irgendwas dabei.

Steiner

Das Interessante an dem Forschungsprojekt ist, dass so viele Frauen sagen, sie kennen fast niemand, der keinen Abbruch hatte, aber sie wollen entweder nicht darüber reden oder sie haben es auch wirklich vergessen.

Fischer

Also es gibt viele, die heute noch nicht darüber reden wollen?

Steiner

Ja. Es dürfte auch so wirkliche Verdrängungen geben. Eine Frau hat mir erzählt, sie weiß es ganz genau, aber die sagt auch, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Es stimmt ja auch, dass man sehr unangenehme Erinnerungen einfach löscht oder nicht mehr …

Fischer

Also es gab zwei Ereignisse, die halt typisch für fast alle Frauen in meiner Jugend waren. Das eine war die Abtreibung und das andere, wo ich noch viel mehr verdrängt habe, war eine Vergewaltigung. Also das war völlig weggelöscht. Zur Abtreibung bin ich ja immer gestanden, insofern hatte ich keine Schuldgefühle oder irgendetwas, aber bei der Vergewaltigung, das war wirklich weg. Zehn Jahre später dann, also in der Frauenbewegung hatten wir eine Gruppe. Da haben wir über Gewalt gesprochen, und plötzlich fiel es mir wieder ein. Danach hatte ich kein Problem, darüber zu reden, zu schreiben. Ich war da recht offenherzig, aber es ist unglaublich, wie gut man vergessen und verdrängen kann.

Steiner

Ja, auf der anderen Seite ist das vielleicht manchmal auch ganz gesund, dass man nicht alles so … Es muss ja einen Sinn haben, dass das passiert.

Fischer

Ja, wahrscheinlich. Diese Abtreibung hab ich … Also wie gesagt, es waren eher die psychischen Umstände, die unangenehm waren. Ich hab das aber auch so banalisiert. Ich hab vor vielen, vielen Jahren, viele Jahre später, Jahrzehnte später, sagen wir, diesen Mann wieder getroffen, der auch eine große Liebe von mir war. Es wurde mir dann später erst klar, dass er wirklich eine große Liebe war, und er hat das angesprochen, dass er mich ja zu einer Abtreibung gebracht hat. Ich hab nur gesagt: Ach, das war ja nichts. Das war ja nichts, das war ja ganz normal, haben ja alle Frauen gemacht. Ich war überhaupt nicht bereit, mich auf dieses Gespräch einzulassen. Das war 2005, da war ich wirklich schon sehr erwachsen.

Steiner

Doch lange Zeit später.

Fischer

Aber wie gesagt, es hat ja auch keinerlei psychischen Folgen hinterlassen. Ich habe das nie bereut, nur wenn ich irgendwie wehmütig an diesen Mann gedacht hab, hab ich mir gedacht: Ach, mit dem könnte ich jetzt eine Tochter haben.

Steiner

Eine Tochter wünscht man sich immer… (lacht)

Fischer

Eine Tochter, natürlich. Ich hab dann mein Leben weitergelebt und war so froh, von dieser Last befreit zu sein. Aber meiner Mutter habe ich es nie gesagt, aber ich hatte auch ein sehr schwieriges und distanziertes Verhältnis zu meiner Mutter, und über irgendwas, was mit Sexualität zu tun hatte, haben wir nie gesprochen.

Steiner

Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen bezüglich Aufklärung, Wissen über den eigenen Körper, Verhütungsmittel. Wie war das in den Sechzigerjahren? Ich glaube, Sie sind Jahrgang 1943, wenn ich das richtig…

Fischer

Ja. Null Aufklärung, also in der Familie. Ich meine, ich komme aus einer linken Familie, die Mutter Frauenrechtlerin, beide waren im Gefängnis. Sie waren wirklich fortschrittliche, aufgeklärte Menschen, aber offensichtlich ist die Stimmung der Zeit stärker als die Ideologie. Also ich wurde nicht aufgeklärt, soviel ich weiß, man hat das irgendwie dann halt erfahren, aber ich habe ja auch sehr spät, also erst mit 21 oder was, das erste Mal mit einem Mann geschlafen. Für heutige Verhältnisse ist das schon spät. Als ich die erste Regel hatte, mehrere Freundinnen in der Schule hatten die schon, da wusste ich schon, was das ist, hab ich dann schon meine Mutter gefragt. Die hat nur geseufzt. Ich hab gefragt, und sie hat gesagt: Ach, jetzt bist du eine Frau. Nichts Positives, jetzt beginnt eben die Last des Lebens. Und Empfängnisverhütung – na ja, man hat das dann irgendwie erfahren. Das war dann auch erst Anfang der Sechzigerjahre. 1961, 62 kam dann die erste Pille. Genau, da hatte ich die Abtreibung schon hinter mir, das Anovlar, an das kann ich mich noch erinnern, und das habe ich dann gleich genommen.

Steiner

Das war das erste Präparat, das am Markt war?

Fischer

Ja, das war auch sehr stark. Da bin ich dann zur Gynäkologin und hab mir das verschreiben lassen, aber mit meiner Mutter hab ich auch nie darüber geredet. Die Information hat man halt unter Freundinnen oder irgendwie weitergegeben.

Steiner

Da hatten Sie aber sogar Glück, denn mir haben auch Frauen erzählt, es gab Ärzte, die die Pille nur verschrieben haben, wenn die Frau schon zwei Kinder gehabt hat und verheiratet war, interessanterweise.

Fischer

(Lacht.) Um Gottes Willen! Da hatte ich wohl Glück. Wie ich diese Gynäkologin, ich glaube, es war sogar eine Frau, auch sehr unsympathisch, sehr wenig zugewandt … Ich war ja jetzt gerade im Spital, weil ich einen Herzinfarkt hatte, und da habe ich gesehen, wie vor allem die Frauen, die Ärztinnen, jetzt anders geworden sind.

Steiner

In der Kommunikation?

Fischer

Männer sind immer noch so, aber die Frauen waren wirklich angenehm. Man konnte mit ihnen reden, man konnte sie fragen, und sie haben geantwortet. Also bei der war ich. Wie ich zu der gekommen bin? Na, wieder über Freundinnen wahrscheinlich.

Steiner

Meistens fragt man die Freundin?

Fischer

Die hat keinerlei Schwierigkeiten gemacht. Von da an hab ich dann, ich glaube, Jahrzehnte die Pille genommen. Genau, dann kam die Frauenbewegung irgendwann und dann hieß es, die Pille sei nicht so gut. Dann hat man dieses …

Steiner

Die Spirale?

Fischer

Die Spirale, ja, die wurde propagiert. Da kann ich mich zum Beispiel an große Schmerzen erinnern, wie das eingesetzt wurde. Das hat mir aber nicht sehr gutgetan, da hatte ich furchtbare Blutungen. Ich glaube, ich hab dann wieder die Pille genommen, solange es nötig war.

Steiner

Sie haben in der Mail auch erwähnt, dass Sie in der Frauenberatung im Frauenzentrum tätig waren. In welchem Zeitraum war das, wenn ich da nachfragen darf?

Fischer

Nein, ich war nicht in der Frauenberatung tätig, ich kann mich nur erinnern, ich hab jetzt auch nachgeschaut, ob ich das irgendwo finden konnte, aber ich konnte es nicht finden, dass wir - ja, okay, ich war in der Frauenberatung auch tätig - die Frauen nach Jugoslawien geschickt haben. Das muss Anfang der Siebzigerjahre gewesen sein, denn 72 wurde die AUF überhaupt erst gegründet, also ganz am Anfang. 75 gab es dann ja schon das Gesetz. Wir hatten da eine Adresse, da musste man nach Radkersburg fahren und von dort dann über die Grenze. Ich hab den Zettel gesucht, aber ich glaub, den gibt es auch im feministischen Archiv.

Steiner

Im Stichwort?

Fischer

Wo wir eine Zeichnung hatten, wo man da hinmuss. Da gab es eine Villa in Jugoslawien, dort haben wir die Frauen hingeschickt. Da gab es wohl gute Erfahrungen, also da haben wir mehrmals Frauen hingeschickt.

Steiner

Können Sie sich noch an Orte erinnern, wo man Frauen hingeschickt hat?

Fischer

Nein.

Steiner

Nein. Das war hauptsächlich Zagreb bei Ihnen?

Fischer

Das weiß ich nicht. Nicht Zagreb. Haben Sie Zagreb gesagt?

Steiner

Ja, ich hab jetzt im Kopf von einer Interviewpartnerin, die ist nach Zagreb.

Fischer

Ach so. Nein, nein, das war direkt an der österreichischen Grenze, nach Radkersburg dann sehr nah. Die waren offensichtlich da eingerichtet für die österreichischen Frauen. Es war auch nicht extrem teuer, aber wie viel das jetzt gekostet hat, weiß ich jetzt nicht mehr. Nein, sonst weiß ich nichts. Vielleicht weiß ich das auch nur, weil ich diesen Zettel dann irgendwann gefunden hab. Als ich nach Deutschland ging, hab ich meine Ordner ausgemistet und hab dann alles, was mir sinnvoll erschien, an das feministische Archiv gegeben.

Steiner

Darf ich noch fragen: Ist das das Stichwort-Archiv, oder welches feministisches Archiv war das?

Fischer

Das heißt feministisches Archiv und ist gleich beim Karlsplatz in der Gußhausstraße.

Steiner

Okay, dann kenn ich mich aus. Das ist das Stichwort, Margit Hauser sammelt das, die kenn ich eh gut. Jetzt muss ich nur noch kurz bei meinem Fragenkatalog schauen, was ich da alles drauf hab. Also Strafverfolgung war nicht die größte Angst, haben Sie gesagt?

Fischer

Nein, nein, komischerweise, das fiel mir überhaupt nicht ein. (Lacht.) Irgendwie, ich weiß nicht: Gab es überhaupt Strafverfolgung in der Zeit? Das weiß ich gar nicht, also das hab ich nicht ernstgenommen als Gefahr. Es war nur die Panik, schwanger zu sein.

Steiner

Ja, es gab schon Prozesse, auch gegen Ärzte.

Fischer

Ich weiß es nicht, ich hab mich da ganz sicher gefühlt, dass das kein Problem sein würde, aber, wie gesagt, darüber hab ich überhaupt nicht nachgedacht, denn für mich war das Hauptziel, diesen Klumpen da in mir loszuwerden.

Steiner

Ja, das ist ganz interessant. Alle Frauen sagen, dass sie an die Strafverfolgung überhaupt nicht gedacht haben.

Fischer

Na ja, okay, ja.

Steiner

Die Ärzte hatten ja oft das Problem, wie sie das finanziell machen. Das war ja oft mit Mitwisserschaft verbunden, im dem Sinne auch mit Erpressbarkeit, dass immer die drohende Gefahr war, von der Ordinationshilfe, oder, angezeigt zu werden.

Fischer

Die Atmosphäre bei dem war schon, das ist etwas Verbotenes, ja, da muss man aufpassen. Die Tatsache, dass dieser Fernseher gelaufen ist, war irgendwie das Grauslichste und dass es halt wirklich in keiner Ordination war, sondern in seiner Wohnung.

Steiner

Hat Sie das nicht abgeschreckt, wie Sie dort waren?

Fischer

(Lacht.) Offensichtlich nicht.

Steiner

Ja, weil das macht einem schon Angst, wenn man da plötzlich in einer Privatwohnung steht.

Fischer

Nein, ich wollte es nur loswerden…

Steiner

Was fällt Ihnen noch ein, was möchten Sie mir noch erzählen? Wie war die Stimmung, als das dann 75 endlich gekippt wurde? War das ein Freudenschrei oder inwiefern hat das …

Fischer

Na ja, wir waren in der Frauenbewegung immer viel radikaler, wir waren ja für die ersatzlose Streichung. Damals in der Zeit haben wir uns ja auch wirklich an der Sozialdemokratie und an Kreisky gerieben. Insofern war es, glaube ich, ja absehbar, dass das jetzt endlich Gesetz wird, kein Freudenschrei, aber es war natürlich eine Erleichterung. Ich hab dann die Pille genommen und ich war nicht mehr besorgt, dass ich jemals wieder schwanger werden würde.

Steiner

Also es war praktisch ein Kompromiss. Es ist ja noch immer verboten, das muss man auch sagen. Es ist nicht erlaubt, aber es ist straffrei.

Fischer

Nein, ist das so? In Deutschland ist es verboten, aber in Österreich ist es innerhalb der ersten drei Monate …

Steiner

Straffrei, straffrei.

Fischer

Ach so.

Steiner

Ja, es ist schon noch immer tricky.

Fischer

Okay, es war uns klar, das ist ein Kompromiss, aber wir haben uns ja auch davor engagiert. Wir haben die SPÖ-Frauen unterstützt mit Aktionen, mit Flugblättern, obwohl wir wussten, dass es auf einen Kompromiss hinauslaufen wird, selbstverständlich. Aber natürlich wollten wir die Fristenlösung haben, das war klar.

Steiner

Ohne Indikation vor allem?

Fischer

Ohne Indikation, genau. Nicht Indikation, aber man muss zu Pro Familia gehen und muss sich einen Wisch ausstellen lassen. Also da ist es in Österreich noch ein bisschen liberaler. Andererseits kostet es. In Deutschland übernimmt das dann die Krankenkasse.

Steiner

Im Falle einer Indikation?

Fischer

Eines Wisches, den man aber leicht bekommt.

Steiner

Ja, trotzdem, das sind einfach Hürden.

Fischer

Aber es sind Hürden, ja absolut.

Steiner

Ja, es ist einfach unangenehm.

Fischer

Was ist nicht ganz verstehen kann, ist, außer bei jetzt 15-Jährigen, warum Frauen überhaupt noch schwanger werden. Das kann ich nicht nachvollziehen, denn es gibt derartig viele empfängnisverhütende Mittel mittlerweile und auch hinreichend Information darüber. Warum es trotzdem passiert, ist mir ein Rätsel.

Steiner

Es gibt aber auch keine Statistik, in Österreich gibt es keine Statistik über Abbrüche, wobei es im Osten Österreichs noch mehr Möglichkeiten gibt. Im Westen Österreichs schaut es schlecht aus.

Fischer

Na ja, eben, das ist überall so, das ist auch hier in Deutschland so, dass immer weniger Ärzte es machen wollen.

Steiner

Auch der Druck; mir kommt vor, dass diese Abtreibungsgegner ziemlich aktiv sind.

Fischer

Der Druck wird ein bisschen stärker, ja.

Steiner

Haben Sie auch den Eindruck, dass diese Lebensschutzbewegung stärker …

Fischer

Ein bisschen, seit neuerdings hab ich nichts mehr von ihnen gehört, aber es ist nicht so, dass ich mich da besonders beschäftige. Vor allem in Deutschland, ist ja dieses Verbot – unter Anführungszeichen – "Werbung" dafür zu machen, wo ja diese Ärztin Hänel dann auch wirklich angezeigt wurde und Strafe zahlen musste. Da hat sich jetzt ein bisschen was verändert durch die neue Regierung, irgendein Paragraf ist dann weggefallen. Es ist aber offensichtlich, dass das etwas ganz Heikles ist, wovon sie nicht loslassen wollen. Irgendeine Strafe muss dann doch sein.

Steiner

Ja, das fällt mir eigentlich auch auf in dieser Diskussion, dass trotzdem noch immer Scham da ist. Die Frauen, die ich interviewe, natürlich nicht, denn die sagen, es hat ja in ihrem Körper stattgefunden. Diese Bevormundung spürt man noch immer, dass sie das so empört, aber andererseits, in der öffentlichen Diskussion ist es noch immer sehr präsent.

Fischer

Ja, also das volle Recht der Frau auf ihren Körper ist nach wie vor nicht gegeben.

Steiner

Das ist eigentlich das Schockierende daran.

Fischer

Man hat so den Eindruck, dass es durch die Fristenlösung in Österreich und das, was sie hier haben, irgendwie entkrampft wurde und die Gefahr nicht so groß ist, dass man ein ungewolltes Kind kriegt, dass man sich irgendwie organisieren kann, aber das ist sicher auch mein Blick, dass mich das ja persönlich nicht mehr interessiert, dass ich mich nicht mehr so beschäftige.

Steiner

Na, klar. Die Frauen erzählen auch, dass sie Angst hatten, dass sie nach einer Abtreibung keine Kinder mehr bekommen können.

Fischer

Aha, das war bei mir kein Gedanke, der sich in mir eingenistet hat, und ich hab ja dann auch keine Kinder gekriegt, aber nicht, weil es nicht ging, sondern weil mein Leben anders verlaufen ist.

Steiner

Ich bin jetzt mit meinen Fragen soweit. Sie haben alles von sich aus beantwortet, was in meinem Fragenkatalog steht. (Lacht.) Dann bedanke ich mich sehr herzlich für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Ich hoffe, es wird entweder eine kleine Website werden oder vielleicht sogar eine Ausstellung, da würde ich dann noch einmal Rücksprache mit Ihnen halten. Dürfen wir die Zitate von Ihnen verwenden?

Fischer

Ja, ja, alles, kein Problem.

Steiner

Das ist sehr lieb, danke.

Fischer

Ich hab auch darüber schon x-mal geschrieben und so, also ich bin da …

Steiner

Ja, am besten hat mir das Buch mit den Wiener Zwillingen gefallen, diese Schwestern, das hab ich vor langer Zeit gelesen.

Fischer

Ah, das ist schon lang her, ja. Das ist …

Steiner

Das ist das neueste?

Fischer

Nein, das ist nicht das neueste. Das ist „Feminismus Revisited“, da hab ich mit jungen Frauen gesprochen und auch ein bisschen über die Vergewaltigung und über die Abtreibung geschrieben. Ich war in Wien beim Museum für Empfängnisverhütung. Für dieses Buch hab ich mir das auch angesehen und war schon sehr beeindruckt über die Information und über die Möglichkeiten von Empfängnisverhütung heute. Diese Bandbreite mit Pflastern und allem Möglichen, also das gab es ja alles gar nicht. Wir waren so glücklich über die Pille, ich war so glücklich über die Pille und hab sie sofort, sobald die verfügbar war … Nein, vor dem Anovlar war noch ein anderes Medikament, das heißt Lyndiol. Ich glaube, das war das erste. Das war rosa, das Anovlar war, glaube ich, grün.

Steiner

Man sieht sie ja die Packungen im Museum als Ausstellungsobjekt.

Fischer

Lyndiol, ja, mit y, genau, das war das erste. Wenn ich von einer Befreiung sprechen kann, dann war es wirklich die Pille. Insofern kann ich die Verteufelung der Pille nicht nachvollziehen, denn für mich war das der Weg in die Freiheit.