"Sie meinen es politisch!" 100 Jahre Frauenwahlrecht > Sozialdemokratisches Parteilokal

Therese Schlesinger (6.6.1863–5.6.1940). Nationalratsabgeordnete der ersten StundeKäthe Leichter (20.8.1895–vermutlich 17.3.1942). Leiterin des Frauenreferats der Arbeiterkammer Wien
Anna Boschek (14.5.1874–18.11.1957). Vorsitzende der Frauensektion der Freien Gewerkschaften

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) verankerte als erste Partei 1892 das allgemeine Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts im Parteiprogramm. Sie forderte es auf Versammlungen und in Aufmärschen am Ersten Mai sowie am Frauentag. Neben den Sozialdemokratinnen setzten sich auch bürgerlich-liberale Frauenstimmrechtsaktivistinnen für das Frauenwahlrecht ein. Vertreterinnen der katholischen und deutschnationalen Frauenbewegungen lehnten hingegen eine Einführung ab. Die Frauenorganisationen der SDAP diskutierten frauenpolitische Forderungen und schulten ihre Mitglieder für politische Tätigkeiten in- und außerhalb der Partei.

Kampf ums Frauenwahlrecht

Am 1. Oktober 1893 wurde auf der ersten Frauenversammlung der SDAP in der Penzinger Au das Frauenwahlrecht gefordert. Nach 1900 rückte der Kampf für das allgemeine Männerwahlrecht in den Vordergrund, die Genossinnen stellten ihre Anliegen zurück. Ab 1911 war die Forderung nach politischer Gleichberechtigung von Frauen und Männern zentrales Thema bei den ab nun stattfindenden Feiern zum Internationalen Frauentag.

Adelheid Popp (geb. Dwořak) spricht auf einer Versammlung arbeitsloser Arbeiterinnen, Dezember 1892. Sozialdemokratisches Frauen-Comité St. Pölten, 1898. Anna Boschek spricht am 1. Internationalen Frauentag in Wien, 19.3.1911.

Frauenfrage als Schulungsfrage

Für ihre Tätigkeiten in Gewerkschaften und als Betriebs- oder Gemeinderätinnen mussten sich Frauen politische Fertigkeiten aneignen wie zum Beispiel sich auszudrücken und zu argumentieren. In Bildungsvereinen und sogenannten Frauenschulen konnten sie sich daneben auch mit den Grundsätzen der Partei auseinandersetzen und Vorträge zu aktuellen Themen hören. Solche Einrichtungen waren seit dem 19. Jahrhundert zentrale Bildungsstätten für Arbeiter*innen.

Sozialdemokratische Parteischule Klagenfurt, 1912 Erste Frauenschule in Linz, 29.–31.1.1926. Programmzettel der Frauenschule des sozialdemokratischen Bezirksfrauenkomitees Margareten (Wien), 1932–1934.

Allgemeines Wahlrecht ist gleich Männerwahlrecht?

1907 wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht für den Reichsrat eingeführt – allerdings nur für Männer. Dass im vorangegangenen Kampf um die Abschaffung des ungleichen Wahlrechts der Monarchie das Wahlrecht der Frauen fallen gelassen wurde, prägte die Erinnerung: Generationen von Schüler*innen lernten, dass 1907 das allgemeine Wahlrecht eingeführt worden war, obwohl Frauen noch über ein Jahrzehnt auf dieses Recht warten mussten.

Wahlrechtsdemonstration in Wien, 5.11.1905. In der zweiten Reihe: Adelheid Popp. Programmheft „40 Jahre Internationaler Frauentag“, Salzburg 1950. Maiabzeichen 1957