Begründet mit der Moskauer Deklaration von 1943 und festgeschrieben in der Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs vom 27. April 1945 (StGBl. 1/1945) wird der Anschluss 1938 als "militärische kriegsmäßige Besetzung des Landes" bezeichnet. Die österreichische Bevölkerung wurde, so die Lesart, unschuldig in den von Nazideutschland angestrengten Krieg geführt. Die mit den Verhandlungen betrauten österreichischen Politiker konnten im Staatsvertragstext die Streichung eines Passus über die Mitschuld Österreichs an den nationalsozialistischen Verbrechen durchsetzen. Das Selbstbild als Opfer und die Ablehnung jeglicher Verantwortung wurden zu einem Eckpfeiler des nationalen Selbstverständnisses in der Zweiten Republik. Dies verhinderte lange Zeit eine fundierte historische Aufarbeitung der Rolle Österreichs im Nationalsozialismus. Erst mit der so genannten Waldheimaffäre von 1986 geriet der österreichische Opfermythos ins Wanken. 1991 stellte der damalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky als erstes Regierungsmitglied in einer Parlamentsrede fest, dass Österreicher auch Mittäter des Nationalsozialismus gewesen seien. Auch entschuldigte sich Vranitzky 1993 in Jerusalem ebenso als erster für die Taten der Österreicher während des Nationalsozialismus. Bundespräsident Thomas Klestil wiederholte dieses Eingeständnis 1994 vor der Knesseth. 1998 geriet Österreich unter enormen internationalen Druck, als US-amerikanische Anwälte jüdischer EmigrantInnen mittels Sammelklagen österreichische Firmen sowie die Republik auf Rückstellung von während der NS-Zeit geraubten Vermögen klagten. In der Folge etablierte die österreichische Regierung eine Historikerkommission mit dem Auftrag, Zwangsarbeit sowie Vermögensentzug der jüdischen und anderen Bevölkerungsgruppen ab 1938 und ihre Rückstellung bzw. Entschädigung nach 1945 zu erforschen. Die Arbeit der Kommission sowie die Einrichtung des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und des Allgemeinen Entschädigungsfonds verweisen auf eine neue Akzeptanz der österreichischen Verantwortung an den Naziverbrechen. Inzwischen hat sich das offizielle Österreich mehrheitlich – jedoch nicht ausnahmslos - von der Opferthese verabschiedet.
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