Nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie galt für die Republik "Deutschösterreich" von Beginn an der Konsens, dass dieser Staat ohne Anschluss an Deutschland nicht lebensfähig wäre. Auch die Sozialdemokratie sah ihre Bestimmung in der Vereinigung mit der deutschen Arbeiterbewegung. Im 1929 beschlossenen "Linzer Programm" der SDAP wurde der "Anschluss mit friedlichen Mitteln" angestrebt, eine Formulierung, die mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 entfernt wurde.
Die Erfindung des "Roten Wien"
Wien war in der Ersten Republik ein Zentrum der politischen Auseinandersetzung,
aber auch ein Ort des sozialen Experiments. Mit der Siedlerbewegung am Stadtrand
und dem Konzept des sozialen Wohnbaus entwickelten sich neue Formen des Zusammenlebens,
Wien erhielt ein "neues Gesicht". Die Institution des Gemeindebaus
mit integrierter Infrastruktur und Grünflächen wurde zum international
beachteten Meilenstein der Stadtarchitektur. Die Versorgung der Bevölkerung
mit leistbarem Strom und Wasser wurde gewährleistet, die Ideen von Otto
Glöckel führten zu einer umfassenden Bildungsreform, die Volkshochschulen
ermöglichten die Weiterbildung von Erwachsenen und sollten zu einer "Demokratisierung
des Wissens" führen.
Mit der Einführung des Frauenwahlrechts und der Ausweitung des Mieterschutzes
wurden die Weichen für ein modernes, demokratisches Staatswesen gestellt.
Radikalisierung und Konfrontation
Gleichzeitig verlagerte sich die politische Konfrontation auf die Straße.
Es entwickelten sich uniformierte, bewaffnete paramilitärische Einheiten
wie der Republikanische Schutzbund, der 1923 als Antwort auf die christlich-sozial
dominierten Heimwehren aufgestellt wurde.
Mit der Militarisierung ging eine politische Radikalisierung einher, die im
so genannten "Korneuburger Eid" von 1930 gipfelte, in dem die Heimwehren
die parlamentarische Demokratie ablehnten. Der Schutzbund stützte sich
auf die radikaleren Formulierungen des "Linzer Programms", in dem
angedroht wurde, im Falle der "gewaltsamer Auflehnung" "den
Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu brechen".
Die Großdemonstrationen als Antwort auf die "Schandurteile" des
Schattendorf-Prozesses im Juli 1927, die in der Erstürmung des Justizpalastes
mündeten, brachten eine neue Welle der Gewalt mit sich. Die Wiener Polizei
setzte berittene Spezialeinheiten und scharfe Munition gegen die Demonstranten
ein; vier Tote und über 500 Verletzte waren die Bilanz des "schwarzen
Freitags", in dessen Folge die Wehrverbände weiter aufrüsteten.
Als Folge der Weltwirtschaftskrise verschärfte sich auch in Wien die
wirtschaftliche und soziale Situation. Mit dem Zusammenbruch der Creditanstalt,
einer der größten Banken Europas, geriet die Währungsstabilität
in ernste Gefahr; in dieser Zeit waren 45 Prozent der Industriearbeiter arbeitslos.
Die Fotobestände des Bruno Kreisky-Archivs dokumentieren auch die Frühzeit
der Ersten österreichischen Republik.
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